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Nach dem Cupfinal hat das
Schwarzpeterspiel begonnen

geschrieben von TA04  am 04.05.2014 um 09:26:17
Nach dem Cupfinal hat das
Schwarzpeterspiel begonnen

Der Schweizerische Fussball­verband hat eine Chance verpasst. Zehn Tage liessen die Verbands­oberen verstreichen, bis sie sich zu den Ausschreitungen am letzten Cupfinal äussern mochten. An der Pressekonferenz spielten sie die beleidigte Leberwurst und ­gaben den Schwarzen Peter an die Stadt Bern weiter. Eine schwache Vorstellung.

Auch dass sich der Verband ­widerwillig mit 200 000 Franken an den Sicherheitskosten be­teiligt, ist angesichts ausgeschütteter Prämien von anderthalb Millionen Franken kein Effort.

Wenn der Fussballverband jetzt für seine nonchalante «Geht uns nichts an»-Haltung Prügel kassiert, ist das gerechtfertigt. Leider handeln aber auch andere Akteure nach dem «Geht uns nichts an»-Prinzip.

Da sind zum einen die aktiven Fussballfans, die gern mit dem Finger auf die Politik und den Verband zeigen. Es geht nicht an, dass wenige Kriminelle durch Bern marschieren, die Stadt verwüsten und das Gros der Fans ­ungerührt hinterherläuft. Die aktiven Fans lassen sich von wenigen Krawallbrüdern als Legitimationsschutzschild missbrauchen.

Da sind zum anderen die ­Vereine, die sich ebenso von den wenigen Chaoten einschüchtern lassen. Inakzeptabel ist ­ins­besondere das Verhalten von FCZ-Präsident Ancillo Canepa. Mit einer provokativen Lässigkeit negierte er, dass das Problem die eigenen Fans betreffe. Eine Behauptung, die umgehend von der Polizei ­widerlegt wurde.

Wies geht, zeigte FCB-Präsident Bernhard Heusler. Er trat vor dem Spiel vor die gewalt­bereiten FCB-Krawallanten und half mit, eine Konfrontation mit der Polizei zu verhindern.

Aber auch die Politik macht es sich bequem. Fan-Gewalt rund um den Fussball ist beileibe kein neues Phänomen. Trotzdem überbieten sich die Politiker nach jedem Schadenereignis mit neuen Vorschlägen. Ob neues na­tionales Rahmengesetz für das Hooli­gan-Konkordat oder Überwälzung der Haftung an die Vereine – ­anstatt sich fundiert mit dem ­Problem «Gewalt im Fussball» zu befassen –, sie schiessen regel­­mässig aus der Hüfte.

Statt immer neue Massnahmen zu fordern, sollte die Politik darauf pochen, die praktikablen Instrumente anzuwenden, die das Hooligan-Konkordat ermöglicht. Zu diesen gehört etwa die Möglichkeit, dass verurteilte Krawallanten sich während der Fussballspiele auf der Polizeistelle ­ihres Wohnortes melden – und somit dem Match fernbleiben müssen.

Die Fan-Gewalt rückte im Jahr 2006 mit der «Schande von Basel» nach dem Spiel zwischen dem FCB und dem FCZ in den Fokus der Öffentlichkeit. Im selben Jahr erschien die erste von meh­reren wegweisenden Arbeiten des holländischen Sportwissenschaftlers Ramon Spaaij mit Best-Practice-Beispielen, um der Hooligans habhaft zu werden.

Seine Botschaft: Nur wenn Vereine, Fan-Kurven, Politiker und Funktionäre langfristig zusammenarbeiten, kann die Gewalt eingedämmt werden. Auch gilt es, die verschiedenen Fussball-Subkulturen nicht über einen Kamm zu scheren: Pyro-Abfackler können nicht mit den gleichen Massnahmen bekämpft werden wie Chaoten vor den Stadien.

Statt umzusetzen, was die Wissenschaft schon seit geraumer Zeit vorgibt, weisen die Akteure in der Schweiz die Schuld lieber von sich. Das Schwarzpeterspiel geht weiter.

«Die Politiker
überbieten 
sich nach jedem 
Schadenereignis mit neuen 
Vorschlägen»

Simon Widmer 
ist Nachrichten-Redaktor
.

Illustration: Kornel Stadler


http://www.sonntagszeitung.ch



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